Lotte-Holzer-Camp (LHC) 2009

Am LHC 2009 nahmen insgesamt 12 Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus 9 Ländern (Bulgarien, Deutschland, Frankreich, Kroatien, Italien, Rußland, Serbien, Slowenien, Tschechien) teil.

Der praktische Teil bestand aus zwei Teilen: aus gärtnerischer Tätigkeit auf dem Gelände des ehemaligen kirchlichen Zwangsarbeiterlagers auf dem Friedhof Jerusalem V in der Hermannstraße 84-90 und aus der Mitwirkung im dokumentationstheater berlin.

Inhaltlich gab es zwei Schwerpunktbereiche - einem historischen und einem gegenwartsbezogenen. Im historischen Teil wurde NS-Zwangsarbeit in Berlin thematisiert. Dabei stand die Perspektive einzelner handelnder Subjekte, der Alltag, die Wertvorstellungen und die damaligen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen im Mittelpunkt. Es ging darum, an einem fassbaren Beispiel zu erfahren, was Zwangsarbeit ist, wie sie wirkt, wie sie wahrgenommen wird und wie sie zu erkennen ist. Ein historisches Erbe hat Wirkungen und diese anzuerkennen, heißt Verantwortung zu übernehmen, auch wenn man selbst unbeteiligt war. Erst dann kann man sich distanzierend von diesem Erbe inhaltlich befreien. Diesen Prozess als einen wesentlicher Punkt menschenrechtlicher Handlungskompetenz in der Gegenwart zu verinnerlichen, war Aufgabe der Teilnehmer. Denn durch ihr eigenes Eingebundensein in gesellschaftliche Prozesse sind sie unweigerlich beteiligt an menschenunwürdigen Handeln in der Gegenwart.

Im gegenwartsbezogenen Teil wurde auf aktuelle Zwangsarbeitsformen, ihre Einstufung als Menschenrechtsverletzungen und jeweilige Kontroversen eingegangen. Dabei wurde auf den vier Säulen der Menschenrechtsbildung - Wissensvermittlung, Empowerment, Sensibilisierung und Vermittlung von Handlungskompetenzen - aufgebaut.

Die Konzeptpunkte im Einzelnen:

Zwangsarbeit und Menschenrechte

Diese Einheit schuf eine Wissensbasis. Um darzustellen, dass es bis zur menschenrechtlichen Perspektive einen langen Weg der Werteentwicklung gab, der sich noch in gegenwärtigen Kontroversen widerspiegelt, wurde Zwangsarbeit im historischen Gesamtzusammenhang dargestellt.

Friedhof Hermannstraße 84-90 (Führung/Arbeit)

Durch die Zusammenarbeit mit der AG „NS-Zwangsarbeit Berliner Evangelischer Kirchengemeinden“ wurde aufgezeigt, dass auch Kirchengemeinden ohne Unrechtsbewusstsein Zwangsarbeiter für ihre Angelegenheiten einsetzten. Es schien etwas Alltägliches in der damaligen Zeit zu sein. Auf dem Friedhof arbeiteten die Teilnehmer, um das Gelände des ehemaligen Barackenlagers zu erschließen und es als Erinnerungsort zu kennzeichnen.

Inkota - Clean-Clothes-Campaign

Eine Mitarbeiterin von Inkota präsentierte die internationale Kampagne für ‚Saubere’ Kleidung, um in die Problematik „ungerechte Arbeitsbedingungen“ einzuführen; gemeinsam herauszuarbeiten, wo es sich um welche Menschenrechtsverletzungen handelt und sich zu vergegenwärtigen, dass nicht jedes unfaire Arbeiten zwangsläufig das Verbot von Zwangsarbeit berührt. Es sollte ein Bezug zum eigenen Alltag und zur eigenen Verantwortung hergestellt werden.

Musik von Johan Meijer

Mit dem Beitrag des holländischen Künstlers Johan Meijer sollte über eine weitere Form der medialen Dokumentation authentischer Zeitzeugnisse Betroffenheit geschaffen werden. Aus westlicher Perspektive (Niederländer) erzählte er Geschichten von Zwangsarbeitern vor und nach dem Krieg.

Kindersoldaten

Die Teilnehmer erfuhren von einer Friedenskraft mehr über Kindersoldaten als eine Form von moderner Zwangsarbeit und über entsprechende Kontroversen. Sie lernten, ihre eigene Position zu vertreten und sich in andere Perspektiven hineinzuversetzen.

Dokumentationszentrum und Zeitzeugin

Der Gang durch das ehemaligen Zwangsarbeiterlager des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide und das umgebende Wohngebiet sollte aufzeigen, wie eng Zwangsarbeit mit dem Alltag der deutschen Bevölkerung verbunden war.

Die Begegnung mit einer deutschen Zeitzeugin sollte verdeutlichen, dass die heutige Gegenwart niemals identisch ist mit der einstigen. Der heutige Blickwinkel ist der Blick aus der Zukunft der vergangenen Situation mit dem Hintergrundwissen über deren Konsequenzen. Die Befangenheit der damaligen Gegenwart ist dabei nur schwer nachvollziehbar. Die Teilnehmer wurden ermutigt, verschiedene historische Perspektiven von handelnden Subjekten zuzulassen und die Auseinandersetzung mit Geschichte als einen permanenten Revisionsprozess ohne abschließende Bewertung zu begreifen.

SOLWODI

Den Teilnehmern wurde die Arbeit von SOLWODI zu Zwangsprostitution und Menschenhandel als zwei wesentliche moderne Formen der Zwangsarbeit vorgestellt. Neben einer Einführung wurden vor allem Pro und Kontra zur Legalisierung von Prostitution im allgemeinen und ihre Folgen für die Situation der Zwangsprostituierten im Konkreten diskutiert. Ziel war es, sich in Kontroversen generell zu positionieren und zu profilieren, um sich auf der Basis eigenem Menschenrechtsbewusstseins für die Menschenrechte anderer einzusetzen zu können.

Dokumentationstheater (Führung/Stück/Aufführung)

Zunächst gab es eine Führung durch das Berliner Unterwelten-Museum und die Räume des dokumentationstheaters berlin im Bunker unterm Gesundbrunnen/Berlin. Danach besuchten die Teilnehmer die mit einer Museumsführung verbundene szenisch-dokumentarische Lesung „Gesichter des Krieges“. Beide Teile halfen den Teilnehmern den Ort und die gesellschaftlichen Umstände sowie der Denk- und Gefühlswelten der Vergangenheit zu erschließen.

Den Höhepunkt bildete das Mitwirken im Stück „OST-Arbeiter“. Hier wurden Biografien ehemaliger ukrainischer Zwangsarbeiter - ihre Verschleppung, ihr Leiden als Zwangsarbeiter in NS-Deutschland und als repatriante Kollaborateure in der Sowjetunion sowie ihr ärmliches Rentnerdasein heute - dargestellt.

Es sollten individuelle Fähigkeiten, wie Phantasie und Einfühlungsvermögen durch Mitgefühl, Wahrnehmung sowie Beobachtung gestärkt und in Form eines gemeinsamen sozialen Prozesses innere und äußere Bilder erarbeitet werden. Außerdem sollten die Teilnehmer anhand in der Rolle erfahrenen und nachgebildeten Gefühle und Verhaltensmuster mit sich selbst konfrontiert werden.

Jugendbegegnung im Dokumentationstheater

Bei einer Begegnung mit den im Theater engagierten Jugendlichen sollten die Teilnehmer Unternehmen kennenlernen, die von NS-Zwangsarbeit profitierten und heute noch existieren.

Reflexionen

Abends gab es eine halbstündige Reflexion, bei der in Gesprächen und mit Hilfe von Reflexionsbögen gemeinsam Erlebtes reflektiert wurde.

Sonstiges

Fakultativ wurden Veranstaltungen zur jüdischen NS-Zwangsarbeit angeboten: Besuch der Gedenkstätte Sachsenhausen, Einführung zu Lotte Holzer (Namensgeberin des Camps) und dem thematischen Bezug des Vereins, Stadtrundgang durch das ehemalige „jüdische Berlin“.

Um einen visuellen und akustischen Eindruck zu bekommen, haben wir eine Bilderpräsentation zusammengestellt. Unterlegt kann diese Präsentation werden mit dem Lied "Gedenken" von des niederländischen Musikers Johan Meijer.